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Interview mit Christian "Der Sachse" Kaisan

Christian Kaisan vor dem Bellagio in Las VegasEine Frage die einfach an den Anfang gehört: Warum heißt der sachse gerade sachse?

Der Spitzname „Sachse“ entstand nach 1981, als ich von Leipzig nach Hamburg übersiedelte. Damals war mein Dialekt dort relativ selten und so wurde ich eben „Sachse“ der Straßenkellner auf der Reeperbahn. Da die Kiezprominenz auch im Casino verkehrte, blieb mir der Name auch später als Spieler erhalten, bis ich ihn – nur klein geschrieben – als Nick im Internet verwendete.

Wie bist du überhaupt erstmals auf Glücksspiel aufmerksam geworden?

Das geschah bereits Anfang der 70er Jahre, als mir bei diversen Rennbahnbesuchen auffiel, dass vor der Rennbahn an Campingtischen gezockt wurde (Glücksspiel war in der DDR von etwa 1968 - 1980 nicht verboten). So geriet ich voller Begeisterung in diese Szene, bis ich letztendlich an Wochenenden sogar ein privates Roulettespiel veranstaltete, an dem immerhin zwischen 50 und 80 Spieler pro Nacht teilnahmen.

Eine Frage zur Aufklärung: du warst Kesselgucker, Basieux ist hauptsächlich Wurfweitenspieler. Was ist da überhaupt der Unterschied? Und welche der beiden Methoden ist Erfolg versprechender?

Der KG zieht seine Schlüsse während des laufenden Coups zwischen Abwurf und Absage, indem er aus den Geschwindigkeiten von Kugel und Kessel den wahrscheinlichen Einschlagsektor zu ermitteln versucht. Der WW-Spieler setzt aus einem Rhythmus des Croupiers, den er zu erkennen glaubt, bereits vor Abwurf den voraussichtlichen Sektor. Dass KG eine Gewinnstrategie ist, weiß ich, da ich es mir selbst theoretisch und praktisch über 20 Jahre bewiesen habe. Ob WW-Spiel ebenso rentabel ist, kann ich nicht beurteilen. Basieux hat mir seine Überlegungen zwar erläutert und beschrieben aber ich habe mich bisher noch nicht richtig damit befasst. Funktionieren könnte es durchaus, wenn man bedenkt, dass man schon gewinnt, wenn man statt jedem 37. Mal jedes 34. Mal trifft.

Welches Ereignis ist geschehen bzw. welche Überlegungen haben dich dazu bewogen, dass du auf den "Trichter Kesselgucken" gekommen bist?

Mein erster richtiger Casinobesuch fand 3 Tage nach Ankunft in Hamburg statt. Ein Bekannter fuhr mich nach Hittfeld. Dort sah ich einen „Huxley“ Amikessel, der – für mich neu – keine Hebel hatte. Während ich mich noch wunderte, wurde abgeworfen, die Kugel lief ziemlich lange, schlug an eine der 16 Rauten und fiel wie ein Stein ins Fach. Als das Gleiche auch in den nächsten Coups passierte, war mir sofort klar, dass das irgendwie zu berechnen sein müsste.

Hast du deine erste Erfahrungen in so genannten "Hinterhof-Casinos" gemacht oder von Anfang an in Spielbanken?

Abgesehen von dem privaten (legalen) Spielbetrieb in der DDR war ich natürlich auch in den einschlägigen (illegalen) Hamburger Hinterzimmern und Rattencasinos zugange. In dieser Sorte Casinos habe ich nie Roulette gespielt aber ich konnte damals mit einwandfreien Würfeln sehr geschickt umgehen.

Hast du deine Erfahrungen auf ein spezielles Casino beschränkt?

Erfahrungen gesammelt, analysiert und trainiert habe ich von 1981-84 vorwiegend in Hittfeld. Eine Zeit, in der ich nie gespielt habe. Rund gerechnet hat es von der 1. Idee bis zur Praxisreife 3 Jahre gedauert. Dabei handelte es sich um 250-300 Besuche, weil ich keinen eigenen Kessel besaß.

So lange nur Trockenübungen? Hast du während der ganzen Zeit nie Zweifel gehabt, ob deine Methode überhaupt praktisch funktioniert? Doch, zu Anfang schon, weil ich mir schlecht vorstellen konnte, dass nicht schon vor mir jemand auf diese Idee gekommen sein sollte. Zum Glück habe ich ungefähr nach 1983 den Dr. Leimbach in Hamburg gesehen, wie der dort eine gute Million in paar Tagen mitgenommen hat. Einerseits war ich sauer, dass ich nun doch nicht der Große Zampano und Ersterfinder war aber gleichzeitig wusste ich nun, dass es geht. Mit meinem praktischen Start 1984 war ich also in der 200-jährigen Roulettegeschichte nur ein bisschen zu spät gekommen, denn das heutige Kesselgucken hat erst 1975 mit Manni Kühl begonnen.

Wann hast du deine ersten Erfolge verbuchen können?

1984 habe ich das erste Mal gespielt und innerhalb von 6 Wochen (mit Partner, der die hohen Zahlen ausgesetzt hat) ca. 70.000 DM gewonnen. Daraufhin sind wir erst einmal nach Singapur und auf die Philippinen geflogen und als wir zurückkamen, war der schöne Kessel verschwunden.

War irgendwann der Punkt erreicht, an dem du wusstest, jetzt ist deine Methode perfekt, oder hast du bis zum Schluss dazu gelernt?

So ganz perfekt wird man wahrscheinlich nie aber nach relativ kurzer Zeit war ich sicher, dass es dauerhaft funktioniert. Kleinigkeiten lernt man immer noch, z.B. bin ich einmal einem Lagerschaden des Kessels mit 18.000 $ ins Messer gerannt, weil sich der Kessel stärker als normal verlangsamte. Auch der Effekt, den in der Pause eingekremte Croupiershände auf die Kugel haben können, ist mir erst nach 15 Jahren bewusst geworden.

Sind andere Kesselgucker für dich Kollegen oder Rivalen?

Rivalen und mit ganz geringen Ausnahmen sind wir uns auch alle nicht grün. Man kann sogar von Feindschaft sprechen, wenn ich bedenke, dass ich insgesamt in 3 Casinos gesperrt worden bin, weil ich dem „Haus-KG“ in die Quere gekommen bin (Hohensyburg, Bad Homburg und Travemünde).

Eine Frage, die auch die Wurfweitenspieler interessieren dürfte: Hast du spezielle oder charakteristische Abwurftechniken erkennen können?

Nein. Lediglich früher mit den Elfenbeinkugeln gab es Croupiers, die die Kugel ruhig bekamen und andere schafften das nicht.

Gab es Croupiers, bei denen du nicht spielst und solche, denen du sogar nach dem Handwechsel zum nächsten Spieltisch folgst?

Wenn ein Croupier zu früh für mich absagt, spiele ich dort nicht. Dass ein Croupier nach dem Handwechsel am Nachbartisch weiterarbeitet kommt höchstens bei „Springern“ vor. Dem laufe ich natürlich nicht nach, da ich meistens den anderen Tisch nicht analysiert und im Repertoire habe.

Gab es Unterschiede zwischen speziellen Kesselfabrikaten?

Ich spiele die meistem Amikessel gern. Das wären dann Huxley, Cammegh, B&G und Paulson z.B. wegen der vielen Kranzläufer liegen mir Klaus und B&T nicht besonders.

Wie hoch war deine höchste Tagesgewinn, was dein größter Verlust?

In Perth habe ich in 3 Tagen rund 500.000 DM gewonnen. Bester Einzeltag war in Kopenhagen mit ca. 126.000 DM. Den größten Verlust weiß ich nicht. Vielleicht die 100.000 DM, die ich in Bregenz vermacht habe, als ich das einzige mal in meiner Casinolaufbahn besoffen „die ersten 6“ gezockt (nicht gespielt) habe.

Wie viel Kapital benötigst du für dein Spiel?

Ich rechne immer, dass ich 10-15 Pleinauszahlungen als Kapital benötige. Wenn ich also z.B. mit 200 Plein spiele, muss ich zwischen 70.000 und 100.000 dabei haben, um bei einer Pechschwankung nicht schwitzen zu müssen.

Hast du dich schon einmal an anderen Spielen als Roulette versucht?

Mit Black Jack habe ich mich theoretisch befasst und weiß, wie ich gewinnen könnte aber es wäre relativ wenig und wegen der Mischmaschinen immer häufiger unmöglich. Poker habe ich versucht und mir meine Nichteignung mit über 5.000$ bewiesen.

Nichteignung, obwohl es zur Zeit der Trend ist und zahlreiche Personen damit gewinnen?

Vermutlich ist die Zahl der Gewinner beim Poker geringer als landläufig angenommen wird. Eine Übersicht haben da eigentlich nur die Onlinecasinos. Der Trend ist im Zusammenhang mit Spiel für mich völlig uninteressant. Es spielen auch Millionen Lotto und ich beteilige mich trotzdem nicht an diesem staatslegalem Raub. Wer würde im normalen Leben 130 ausgeben, um 50 zu verdienen? Niemand mit Verstand aber beim Lotto setzt der ebenso aus wie bei anderen Spielen um Geld. Das Gehirn wird von der Gier vernebelt. 1,35% bei Rot und Schwarz sind nicht zu überwinden und dann soll es plötzlich gegen rund 60% gut gehen? Zum Poker: Offensichtlich habe ich für dieses Spiel trotz ansonsten guter Voraussetzungen wie ausreichendem Kapital und fast völliger Emotionslosigkeit kein Talent - andere Gründe fallen mir nicht ein und Tatsache ist leider, dass ich bei 2 länger auseinander liegenden Versuchen beide Male grandios gescheitert bin.

Betrachtest du deine Casinobesuche als "Arbeit"?

Ja!

Du hast ja in zahlreichen deutschen Spielbanken Hausverbot. Was hat es mit diesen Sperren auf sich?

Die Casinos dürfen ohne Angabe von Gründen von ihrem Hausrecht Gebrauch machen. Es gab auch noch nie einen der üblichen Gründe wie Diebstahl, Betrug, ungenügende Finanzen oder ähnliches. Ich habe viele Sperren schriftlich aber in allen fehlt die Begründung.

Was passiert eigentlich, wenn du dennoch versucht zu spielen? Kommst du überhaupt soweit, oder wirst du schon vorher höflich nach draußen gebeten?

Ich scheitere an der Rezeption. Ansonsten bin ich in der ganzen weiten Welt in Casinos ohne Eingangskontrolle nur in Sydney richtig gesperrt worden. Die anderen verlangen Einsätze vor Abwurf, drehen schneller oder setzen das Limit auf Kinderspielniveau.

Du hast im letzten Jahr Deine Karriere offiziell beendet. Ist das wirklich ein endgültiges aus, oder eher eine kreative Schaffenspause?

Nein, das soll wirklich das Ende sein. Ich müsste immer weiter reisen und auch dort wird es wird immer schwerer. Die Casinos sind eben auch langsam schlau geworden und so ist die Welt doch ziemlich klein geworden.

Und was macht der Sachse jetzt? Freizeit den ganzen Tag?

Ich baue gerade ein Geschäft auf. Aus den USA habe ich gastronomische Geräte importiert, die ich betreiben und vermutlich auch vermieten werde. Außerdem besteht auch noch die Hoffnung, dass das von mir erdachte Spiel KAI SAN, welches mittlerweile in USA, Kanada, Australien, Singapur und China (Macau) zum Patent angemeldet ist, eines Tages in Casinos gespielt wird und paar Lizenzgebühren abwirft. Dafür muss ich auch bisschen was tun.

Welcher Umstand macht dich so unnahbar, wie du dich stets gibst?

Woher hast du das denn? Wer mich jemals persönlich kennen gelernt hat weiß, dass ich recht umgänglich und gesellig bin. Wenn es in den Foren gelegentlich anders wirkt, liegt es wahrscheinlich daran, dass ich nicht nur fast alles weiß sondern das Meiste auch noch besser.

Du hast schon nahezu auf der ganzen Welt gespielt. Gibt es einen Ort, den du selbst dabei noch vermisst?

Vermissen ist zu viel gesagt aber ich war noch nie in einem Koreanischen Casino und in Südamerika kenne ich auch nur Casinos in Argentinien und Uruguay. Nachdem ich vor 20 Jahren meine erste und einzige Kreuzfahrt gemacht habe, wäre das vielleicht noch erstrebenswert auf den heutigen Riesenkähnen mit ihrem ganz gleichmäßigem Rollen und Stampfen.

Wo hat es dir am besten gefallen?

Gefallen hat es mir überall dort, wo etwas zu gewinnen war. Der größte Mistladen ist klasse, wenn man nur trifft. Besonders hervorzuheben wäre eigentlich das „Burswood“ Casino in Perth direkt am Swan River mit seinen schwarzen Schwänen oder die 3 Casinos an den Niagarafällen (die aber nur wegen der Umgebung). Las Vegas als Ganzes ist selbstverständlich. Nicht gerade schön aber imponierend und unvergesslich: Macau.

Du hast im letzten Jahr dein Buch veröffentlicht. Das Buch ist nicht wirklich ein normales Buch, oder? Was macht es gerade so besonders?

Das epochale Werk „Meine Roulette Bibel“ (grinst) ist die Essenz aus ca. 6.000 Beiträgen zu vorwiegend Roulettethemen in mehreren Foren. Zum kennen lernen hier gleich einmal das „Vorwort und Leseanweisung“:

„Meine Roulette Bibel“ wird vom Autor als dogmatisches Lehrbuch verstanden und unterscheidet sich von herkömmlichen Titeln über Glücksspiele grundsätzlich dadurch, dass es nicht nur kein System anbietet sondern im Gegenteil alles niedermacht, was auch nur annährend einen so genannten „klassischen“ oder – noch schlimmer – intuitiven Ansatz verfolgt. Das Wort „Bibel“ im Titel soll nicht etwa für einen Vergleich mit der „Heiligen Schrift“ herhalten sondern nur unterstreichen, dass auch hier von einem unerschütterlichen Standpunkt und völlig einseitig eine Botschaft verkündet wird. Der Autor akzeptiert – ausgestattet mit einer gehörigen Portion Altersstarrsinn – keine andere Meinung und hat immer Recht! Teilweise geht es wild durcheinander und einige Beiträge – vorrangig die Weisheiten des Autors – erscheinen mehrfach. Der Grund liegt darin, dass sich einige Themen gelegentlich überschneiden und deshalb gleiche oder ähnliche Argumente erfordern. Da es sich um ein Lehrbuch handelt, weist der Autor darauf hin, dass man auch das Kleine Einmaleins nur durch ständiges wiederholen lernt, bis es sitzt. Zum besseren Verständnis wurden manche Fragen neu formuliert, einige Faselfehler korrigiert und der Rest im Original belassen.
P.S.: Im Zweifelsfall eher schmunzeln als nach Tiefsinn suchen!

Was würdest du Neueinsteigern, die zum ersten Mal Roulette spielen, empfehlen?

Nimm Deine Frau und eine kleine Summe (vielleicht 200 Euro), teilt das Geld und spielt an getrennten Tische mit Minimum auf Rot und Schwarz. Nach 1 Stunde ist Treffen und der Rest wird im Restaurant oder an der Bar verbraten. Keine Reserve mitnehmen! Kein Geld im Auto verbunkern! Keine Kreditkarten einstecken!

Und was würdest du Neueinsteigern empfehlen, die zum ersten Mal Kesselgucken probieren wollen?

Ich würde abraten, weil es bei den höheren Kesselgeschwindigkeiten heutzutage noch schwieriger ist als früher und vor allem, weil es sich die Casinos nicht mehr gefallen lassen.

Gibt es für dich eine Spieler-Ethik?

Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht und da ich kein Politiker bin, darf ich ohne weiteres zugeben, dass ich dazu nichts sagen kann.

Warum dein missionarischer Eifer, die Aussichtslosigkeit des klassischen Roulettespiels zu verkünden? Kannst du Dir wirklich keine klassische Lösung vorstellen?

Als Einzelkind und Lehrersohn habe ich offensichtlich zu viel vom Schulmeister abbekommen. Wäre mir jemals ein Erfolg versprechender Ansatz wie z.B. das Counten beim BJ für das Roulette untergekommen, hätte ich Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um ihn für mich zu nutzen, weil ich damit heute noch reichlich zu spielen hätte. Überzeugen würde mich ein Gedankengang, der wie beim KG lautet: Wenn ich häufiger als normal weiß, wann die Kugel wo fällt, ich imstande bin die Kesselgeschwindigkeit dagegen zu rechnen und den Streubereich noch mit einzubeziehen, werde ich auf Dauer gewinnen. Einen solchen logisch nachvollziehbaren Ansatz hat mir für eine nichtphysikalische Methode noch niemand aufgezeigt.

Sachse, vielen Dank für das interessante Gespräch.  

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